29.06.20

Christof Hermann

Pfarrer Christof Hermann verabschiedet sich von der Esslinger Johanneskirche in den Ruhestand.

Pfarrer Christof Hermann an der Jugendstilsäule am Eingang zur Esslinger Johanneskirche

13 Jahre lang war Christof Hermann Pfarrer der Evangelischen Johanneskirchengemeinde in Esslingen. Nun geht der 65-Jährige in den Ruhestand.

Pfarrer sei genau der richtige Beruf für ihn gewesen, sagt der Theologe rückblickend. „Kein Arbeitstag war langweilig. Es ist ein Beruf für Generalisten – mit vielen verschiedenen Aufgaben, abwechslungsreich und man hat immer mit Menschen zu tun.“ Einerseits müsse man das große Ganze im Blick haben und dafür Verantwortung tragen, andererseits vieles selbst machen und zuweilen auch ganz praktisch mit anpacken.

Doch vor allem der Umgang mit Menschen liegt Hermann am Herzen. Geleitet hat ihn ein Wort des Theologen Karl Barth: „Nachdem Gott selbst Mensch geworden ist, ist der Mensch das Maß aller Dinge.“ Die Humanität, die Menschenfreundlichkeit Jesu sei ihm sehr wichtig, betont Hermann.

In seinem Berufsleben habe er unzählige intensive Gespräche geführt und interessante, spannende und berührende Lebensgeschichten gehört. „Der große Pluspunkt  am meinem Beruf ist es, dass einem so viel Vertrauen entgegengebracht wird.“ Menschen seine Zeit, sein Ohr und sein Herz zu schenken und offen zu sein für alles, worüber das Gegenüber reden will – diesen wertvollen Rat seines Seelsorge-Lehrers im Vikariat hat Christof Hermann immer beherzigt. „Es müssen nicht immer tiefgründige Gespräche sein. Auch Smalltalk ist erlaubt.“

In der Johannesgemeinde standen in den vergangenen Jahren viele Bauprojekte an: die Renovierung der Kirche, die Umgestaltung des Kirchplatzes, der Abriss von je zwei Kindergärten und Gemeindehäusern und der Neubau einer Kita sowie eines Gemeindehauses. Dass sich die Gemeinde mit dem neuen Gemeindehaus neben der Kirche von 380 Quadratmetern Nutzfläche auf 70 Quadratmeter räumlich enorm verkleinert hat, sein ein richtiger Schritt gewesen, sagt der Pfarrer. „Das neue, kleinere Gemeindehaus können wir gut mit Leben füllen.“ Für mehr Raumbedarf stehe die unmittelbar angrenzende Kirche zur Verfügung.

Man führe ein offenes Haus, das liegt Hermann am Herzen. Denn die Kirche müsse sich in die Gesellschaft hinein öffnen. Nicht nur Gruppen der Kirchengemeinde treffen sich im Gemeindehaus. Auch für andere Aktivitäten etwa des Kinderschutzbundes, des Krankenpflegevereins, der Suchthilfe, Refugio oder der Gemeindepsychiatrie stehen die Räume kostenlos zur Verfügung.

Gemeinsam mit dem Verein „Heimstatt“ hat der Pfarrer das Freitagsfrühstück für Menschen aus prekären sozialen Verhältnissen initiiert. Bis zu 60 Bedürftige trafen sich jede Woche im Gemeindehaus zu Essen und Begegnung. Einmal im Jahr gab es einen gemeinsamen Ausflug. Seit Corona werden stattdessen Frühstückstüten ausgegeben.

Auch auf andere Weise beweist die Kirchengemeinde Offenheit. Als erste im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen und als eine der ersten in der Württembergischen Landeskirche erhielt sie die Genehmigung, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. „Eigentlich eine Selbstverständlichkeit“, meint der Theologe.

Das Konzept der Kirchengemeinde, was ihre eigenen Immobilien betrifft, ist aufgegangen. Umso mehr schmerzt es Hermann, dass der Anstoß der Interessengemeinschaft Charlottenplatz, unter deren Dach sich die Nachbarschaft sammelte, um Ideen zu sammeln für die Neugestaltung des Platzes und ein besseres Verkehrskonzept, bei der Stadt Esslingen ins Leere lief.

Gemeinschaftliche Aktivitäten sind dem sportlichen Pfarrer wichtig: Mit seinen Konfirmandengruppen brach er gerne mit dem Fahrrad zu Freizeiten auf, jedes Jahr lud er zur mehrtägigen Gemeinde-Bergtour und zur Väter-Kinder-Tour. Über fünf Jahre wurde in Etappen die Pilgerstrecke zwischen Esslingen und Santiago de Compostela von einer Gruppe auf dem Fahrrad bewältigt und auch mit den Senioren der Kirchengemeinde oder dem Kirchengemeinderat war der Pfarrer gerne unterwegs.

Über den Tellerrand hat der gebürtige Plochinger schon immer geblickt – ob als Student in London oder bei einem Kontaktstudium erst vor wenigen Jahren in New York City, aus dem eine Verbindung der Johanneskirchengemeinde zur Kirchengemeinde St. Lydia’s in Brooklyn entstanden ist. „Ich bin ein Mensch mit Fernweh, als Kind wollte ich Kapitän werden“, verrät Hermann. Deshalb freut der Vater zweier erwachsener Kinder sich im Ruhestand auf Reisen und die Möglichkeit, häufiger als bisher Freunde und Familie zu besuchen. Dass er sich zudem an Entschleunigung denkt, kann man sich bei dem umtriebigen Pfarrer nur schwer vorstellen. Fehlen werden ihm vor allem die vielen ehrenamtlich Engagierten, die ihn in der Kirchengemeinde als Pfarrer begleitet und unterstützt haben. „Die Ehrenamtlichen haben mich sehr beeindruckt“, betont er.

Eigentlich wollte Christof Hermann zu seiner Verabschiedung Mitte Juli ein großes Fest mit vielen ihm nahestehenden Menschen veranstalten. Wegen der Corona-Pandemie kann diese nun nur in ganz kleinem Kreis stattfinden. Doch künftige Begegnungen sind nicht ausgeschlossen, denn Hermann bleibt in Esslingen. In der Pliensauvorstadt hat er mit seiner Frau ein neues Zuhause gefunden.