09.02.21

Hospiz

Das Hospiz ist bisher gut durch die Pandemie gekommen, doch die familiäre Atmosphäre fehlt.

Wegen Corona wird jeweils nur noch ein Gedeck aufgelegt. Claudia Dippon leitet den stationären Bereich.

Keine gemeinsamen Mahlzeiten am großen runden Esstisch, nur eingeschränkte Besuche und Begegnungen ausschließlich mit Mundschutz – die durch die Corona-Pandemie verursachten Einschränkungen im Hospiz Esslingen setzen nicht nur den Gästen, wie die Patienten im Hospiz genannt werden, und ihren Angehörigen zu, sondern auch den Mitarbeitenden.

„Gastfreundschaft, wie wir sie bisher gelebt haben, ist derzeit leider nicht möglich“, bedauert Claudia Dippon, die den stationären Bereich mit acht Plätzen für Schwerstkranke und Sterbende leitet. Auch Umarmungen, ein Streicheln oder überhaupt ungeschützter Körperkontakt, die im Hospiz eigentlich zum Alltag gehören, verbieten sich wegen Covid-19. „Die familiäre Atmosphäre ist unsere Stärke. Nun müssen wir andere Wege finden, um Nähe zu zeigen, etwa durch Gesten oder Augenkontakt“, sagt Dippon. Gar nicht so einfach, wenn der größte Teil des Gesichts hinter einer Maske verborgen ist oder man gar in voller Schutzkleidung steckt. Vor allem Menschen, die schlecht hörten, bereite es Probleme, wenn die Mimik des Gegenübers wegfalle, erklärt Claudia Dippon. Das drücke zuweilen auch auf die Stimmung. Sie spürt: „Die Leichtigkeit ist etwas verlorengegangen, denn es wird von allen viel Selbstdisziplin gefordert.“ Dippon hat von ihrem Team erfahren: „Der der gravierendste Einschnitt ist der Verlust der familiären Atmosphäre, die allen so am Herzen liegt.“

Vieles hat sich durch Corona im Hospiz verändert: Die sonst stets offenen Türen sind geschlossen. Wer ins Hospiz will, muss klingeln. Jeder Gast darf zwei Besucher pro Tag empfangen. Und jeder, der das Haus betritt, wird einem Corona-Schnelltest unterzogen. Auch Mitarbeitende und Hospizgäste werden zweimal pro Woche getestet. Für die Tests wurde das Personal extra geschult. Die Hygienevorschriften bedeuteten einen höheren Aufwand beim Putzen und auch mehr Wäsche falle an, sagt Dippon. Zudem müssten die Hygieneregeln immer wieder erläutert werden. Den meisten Menschen im Haus fehlten aber vor allem die selbstverständlichen Kontakte, wie sie in normalen Zeiten beim gemeinsamen Essen oder Kaffeetrinken von Gästen, Angehörigen und Mitarbeitenden entstanden. Darin sind sich Hospizgäste, Angehörige und Mitarbeitende einig. Derzeit deckt Hauswirtschaftsleiterin Martina Fricker den großen Tisch in der Wohnküche jeweils nur für eine Person.

Wer neu im Hospiz aufgenommen wird, muss für fünf Tage in Quarantäne. Dann betritt das Pflegepersonal den Raum nur mit Schutzkleidung. Gerade die Quarantänezeit sei für die Gäste und ihre Angehörigen nicht leicht, hat Claudia Dippon erfahren. „Obwohl die meisten erkennen, dass dies sinnvoll und wichtig ist.“ Doch es gibt auch Ausnahmen von der Regel: Wenn sich der Zustand eines Gastes sehr verschlechtert, dürfen auch mehr Besucher kommen, um sich zu verabschieden.
Die Arbeit im Hospiz ist erfüllend, aber auch herausfordernd. Deshalb ist für das Personal eigentlich ein guter Ausgleich wichtig, um Abstand vom anstrengenden Berufsalltag zu gewinnen. Das sei derzeit schwierig, weil Kraftquellen wie Sport, Kultur oder das Zusammensein mit Freunden wegfielen, erklärt Dippon. Sie selbst tankt vor allem Kraft in der Natur.

Dank seiner Hygiene- und Besuchsstrategie hat das Hospiz Esslingen die Pandemie bisher gut bewältigt. Schutzmaterial und Schnelltests sind inzwischen ausreichend vorhanden. Dafür habe der Träger, die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen, gesorgt, berichtet Dippon. In der Anfangszeit, als Mundschutz vor allem für Besucher knapp war, hätten auch Bürgerinnen und Bürger Masken für das Hospiz genäht. „Ich erlebe eine große Dankbarkeit bei allen, dass wir bisher so gut durch Corona gekommen sind.“ Auch hätten die allermeisten Betroffenen großes Verständnis für die Einschränkungen. „Doch alle sehnen sich nach Normalität.“

Susanne Kränzle, die Gesamtleitung des Hospiz, fasst zusammen: „Vieles ist anders als sonst, und das wird wohl auch noch ein Weile so bleiben. Aber ‚Hospiz‘ ist trotzdem spürbar, sagen die Gäste und Angehörigen. Ich bin sehr froh darüber und stolz auf mein Team.“