25.02.21

Begegnungen

Christlich-muslimische Begegnungsabende fördern das Zusammenleben im Esslinger Norden.

„Begegnen – Entdecken – Bereichern“ – der Name ist Programm. Seit 15 Jahren treffen sich auf Initiative der Evangelischen Kirchengemeinde St. Bernhardt zum Hohenkreuz in Esslingen Christen und Muslime zum thematischen Austausch aber auch zum geselligen Miteinander bei Essen, Musik und Tanz.

In der ehemaligen Funkerkaserne lebten damals etliche Asylbewerberinnen und Asylbewerber. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 habe man eine zunehmende Islamfeindlichkeit gespürt, erinnert sich Sabine Sandler. Sie ist eine der Initiatorinnen von BEB, wie sich das Projekt im Esslinger Norden kurz nennt. Dem habe die Evangelische Kirchengemeinde gemeinsam mit dem Freundeskreis Asyl durch ein Kirchengemeinderatswochenende und ein anschließendes Gemeindeseminar zum Thema "Herausforderung Islam - Muslime unter uns" entgegenwirken wollen, erinnert sich Sandler. „Daraus entstand die Idee, sich besser kennenzulernen und mehr zu erfahren über die Kultur, Religion und Lebensweise des jeweils anderen.“ Zunächst sei es rein darum gegangen, Hemmschwellen im Umgang miteinander abzubauen und sich kennen zu lernen.  Aus diesen Treffen entstanden die Begegnungsabende mit konkreten Themen, in denen es neben der persönlichen Begegnung auch um inhaltliches Verstehen der unterschiedlichen  Religionen und Kulturen ging. „Von Anfang an waren Muslime im Vorbereitungsteam“, betont Sandler.

Das Motto beschrieb das Ziel: „Lasst uns Freunde werden.“ Glaubt man einigen langjährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die allerdings nicht namentlich genannt werden möchten, ist das geglückt. Beziehungen sind entstanden. Traf man sich anfangs lediglich zum zwanglosen Gespräch, stehen inzwischen zwei der drei Abende im Jahr unter einem Thema, das meist von zwei Seiten beleuchtet wird: Göttliche Gebote in Bibel und Koran, religiöse Hochfeste oder Gebetsrufe sind nur einige Beispiele. „Wir versuchen immer Christentum und Islam gegenüberzustellen“, sagt Sandler. Dass dabei neben Trennendem vor allem viele Gemeinsamkeiten zu Tage treten, hat nicht wenige Teilnehmende verblüfft. Ganz wichtig ist Sandler, dass es nicht um Missionierung gehe. Doch nicht nur Religiöses wird besprochen. Auch Männer- und Frauenbild, Musik oder Tänze waren schon Thema.

„Das Verständnis füreinander ist gewachsen“, meint nicht nur Sabine Sandler. „Die Abende tragen zum gegenseitigen Verständnis bei und leisten einen großen Beitrag für ein friedvolles Zusammenleben in der Esslinger Gesellschaft“, ist eine türkische Teilnehmerin überzeugt. Denn ein wichtiges Anliegen ist die gegenseitige Toleranz. „Es wurden Vorurteile abgebaut und mein Wissen bereichert“, betont die 30-Jährige. Die Begegnungen hätten ihr gezeigt, wie wichtig gegenseitiges Verständnis und Respekt seien. Dies meint auch ein 53-jähriger Türke, der seit zehn Jahren dabei ist: „Ich merke, wie wichtig und notwendig der interreligiöse Dialog heutzutage ist. So habe ich die Möglichkeit, die Sicht meines Gegenübers kennenzulernen. Es ist mir persönlich sehr wichtig, dass meine Religion nicht durch Negativbeispiele repräsentiert wird.“

Zwischen 40 und 100 Personen von jungen Familien bis zu Senioren besuchen laut Sandler die Abende. Oft beteiligt sich auch der Kindergarten St. Bernhardt. Die Erzieherinnen bieten unter anderem Kinderbetreuung an. Die persönlichen Begegnungen fördert vor allem auch das gemeinsame Essen. Zum Büffet tragen alle etwas bei, so dass eine bunte Vielfalt auf den Tisch kommt. Und einmal im Jahr wird zusammen gegrillt oder ein Picknick veranstaltet.

Eine andere Kultur und einen anderen Glauben kennenzulernen, war nicht nur für eine 65-Jährige Deutsche ein großer Gewinn. Manch einer hat sich auch nochmals intensiver mit der eigenen Religion auseinandergesetzt und Traditionen hinterfragt. Eine junge deutsche Familie mit Kindern zwischen fünf und 14 Jahren schätzt vor allem den „niederschwelligen, ungezwungenen Austausch mit anderen Menschen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen über Religion, Tradition, Glaube“. Von Anfang an war es den Initiatorinnen und Initiatoren ein Anliegen, dass es bei den Begegnungen an den drei Abenden nicht bleibt, sondern dass darüber hinaus ein nachbarschaftliches Miteinander entsteht und so Fremdsein überwunden wird.

Das Begegnungsprojekt, das zusammen mit der katholischen Kirchengemeinde St. Josef und der Gesellschaft für Dialog Baden-Württemberg e.V. in Esslingen veranstaltet wird, wurde 2010 mit dem mit dem Intra-Projektpreis für Komplementarität der Weltreligionen ausgezeichnet, der jährlich an Projekte oder Personen vergeben wird, die sich der Verständigung zwischen den Religionen widmen.

Corona bedingt pausieren die Begegnungen im Moment. „Wir wollen unsere Abende aber auf jeden Fall wieder aufgreifen, wenn es dann wieder möglich ist“, betont Sabine Sandler.