05.02.21

Denkanstoß

Denkanstoß von Pfarrer Stefan Schwarzer, Evang. Kirchengemeinde Oberesslingen

Ich kann das nicht!

München, 22. Februar 1943: Die beiden Geschwister Hans und Sophie Scholl, 24 und 21 Jahre alt, und Christoph Probst, 23 Jahre alt und Vater dreier kleiner Kinder, werden wenige Tage nach ihrer Verhaftung in der Universität München durch den „Volksgerichtshof“ unter Vorsitz des Richters Roland Freisler zum Tode verurteilt. Noch am selben Tag wird das Urteil vollzogen und die drei jungen Menschen werden durch eine Guillotine enthauptet.

Berlin-Plötzensee, 13. August 1943: Der österreichische Priester Jakob Gapp kritisiert 1938/39 die nationalsozialistische Politik und muss schließlich im Januar 1939 nach Frankreich fliehen. Zuletzt hält er sich in Valencia auf, wird von der Gestapo im November 1942 in das deutsch besetzte Frankreich gelockt und dort festgenommen. Der „Volksgerichtshof” unter Vorsitz des Richters Roland Freisler verurteilt ihn wegen „Feindbegünstigung” zum Tode. Er wird in Plötzensee enthauptet.

Bergen-Belsen, Februar 1945: Anne Frank, posthum berühmt geworden durch ihre Tagebuchaufzeichnungen, stirbt mit 15 Jahren an den Krankheitsfolgen der umfassenden und in der Art ihrer Ausführung unsagbaren Deportationen von Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten.
Flossenbürg, 9. April 1945: Dietrich Bonhoeffer, Theologieprofessor und Pfarrer, wird im Anschluss an ein Scheinverfahren und nach monatelanger Haft im Gefängnis der Gestapo in Berlin-Tegel und im KZ Buchenwald schließlich im KZ Flossenbürg ermordet. Bevor er und die mit ihm zum Tode Verurteilten erhängt wurden, mussten sie sich nackt ausziehen.

So könnte ich weiter und weiter und weiter ganz nüchtern Schicksale aufzählen, die allesamt mit einem Klick zu finden und nachzulesen sind. Seit den Tagen meiner Kindheit und Jugend denke ich über Dietrich Bonhoeffer, Sophie und Hans Scholl, Christoph Probst und die anderen nach, die ihr Leben für die Freiheit und für ein Ende des Verbrechens und des Vergasens riskierten und dafür schließlich ermordet wurden. Ohne sie je getroffen zu haben trage ich diese Menschen tief in meiner Seele eingraviert. Ein Licht in tiefster Finsternis waren sie, leuchtendes Vorbild sind sie mir. Ihre Namen spreche ich mit Demut und Dankbarkeit aus, manchmal mit einem Gefühl der Zärtlichkeit.

Kann man diese Namen so aussprechen, dass ein Vergleich mit der nationalsozialistischen Diktatur und der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2021 standhält? Kann man sich bei einer rechtsstaatlich genehmigten Demonstration auf einer polizeilich geschützten Bühne seine Meinung frei äußernd so fühlen wie ein Mensch, der den Mördern in die Hände fiel? Wer es kann, mag selbst erklären, wie er oder sie das hinbekommt. Ich kann das nicht!