16.04.20

Denkanstoß

Denkanstoß von Pastoralreferent i. R. Josef Birk, Katholische Gesamtkirchengemeinde Esslingen.

Ein Kennzeichen unserer derzeitigen Situation ist, dass Ressourcen auf einmal in riesigen Mengen benötigt werden, über die in „normalen“ Zeiten kaum jemand redet, weil sie kein Problem darstellen, z. B. Intensivpflegeplätze, Beatmungsgeräte, Schutzkleidung für Personal usw. Eine andere Ressource wird in diesen Tagen in großem Umfang nachgefragt, von der in ruhigerer Zeit ebenfalls wenig die Rede ist. Sie wird scheinbar nicht gebraucht, wenn alles läuft wie geplant und wenn Gewohntes ungestört praktiziert werden kann. Ich meine die Ressource Hoffnung.

Man findet dieses Wort derzeit in den Medien und in verschiedensten Verlautbarungen so oft wie selten zuvor. Warum eigentlich? Es ist wohl so: je schmerzlicher die Krise, desto grösser der Bedarf an Hoffnung. Ich ertappe mich z.B.  zunehmend dabei, in Informationen über den Stand der Corona Pandemie hoffnungsvolle Töne zu suchen: Wie sieht die Ansteckungskurve aus? Gibt es schon Anzeichen für eine Verlangsamung der Ansteckungszahl? Mit einem Wort: Gibt es Grund zur Hoffnung, das Virus zu besiegen?

Jetzt, wo trügerische Sicherheiten abhandengekommen sind, reichen naiver Optimismus und Vertröstung nicht mehr aus im Sinne von „alles nicht so schlimm“, „wird schon wieder werden“. Jetzt, wo ein Virus offensichtlich in der Lage ist, uns alle Planungen in kürzester Zeit aus der Hand zu schlagen, müssen wir uns nach neuen Sicherheiten umschauen. Da jetzt eingeschliffene und geliebte Gewohnheiten über Nacht nicht mehr funktionieren oder zu gefährlich sind, reicht es nicht, einfach abzuwarten, bis wir wieder zu Gewohntem zurückkehren können und alles wieder wie vorher ist. Weil vielfach Angst um sich greift und sich zu verselbständigen droht, braucht es etwas, was trotz allem nach vorne schauen lässt, denn Angst ist bestenfalls geeignet, das, was mir im Moment noch bleibt, krampfhaft festzuhalten, taugt aber nicht für den Blick nach vorne. In dieser Situation ist Hoffnung eine Gegenkraft gegen die Angst, eine Kraft, die nach vorne weist, die trotz allem eine Zukunft sieht.

Doch wie kann Hoffnung entstehen? Wodurch nährt sie sich? Es muss Anlässe zur Hoffnung geben, wenn sie nicht bloßer Wunsch bleiben soll. Und solche Anlässe gibt es, sogar zahlreich. Es lässt mich hoffen, wenn ich erlebe, wieviel Solidarität in unserer Gesellschaft vorhanden ist, wenn’s drauf ankommt. Z.B. wenn Nachbar oder Nachbarin ohne große Aufforderung sich anbieten, für besonders gefährdete ältere Menschen in der Nachbarschaft einzukaufen. Es stimmt hoffnungsvoll, zu erfahren, wie viele Menschen sich im Gesundheitswesen für andere einsetzen, zum Teil unter Gefahr für das eigene Leben. Es ist nicht selbstverständlich und weist auf gute Energie in unserer Gesellschaft hin, wenn die meisten Menschen mit großer Geduld und Disziplin die Schutzmaßnahmen einhalten, nicht nur um sich selbst zu schützen, sondern um andere nicht in Gefahr zu bringen. Gibt es vielleicht in unserer oft als egoistisch bezeichneten Gesellschaft mehr Zusammenhalt als bisher vermutet? Wir entdecken wieder neu, wie sehr wir andere brauchen.

Die Krise fällt zeitlich mit dem Osterfest der Christen zusammen. Ist da auch ein inhaltlicher Zusammenhang? Immerhin ist für Christen Hoffnung ein Schlüsselwort. Sie glauben an eine Kraft, die sogar das größte Fiasko, das uns blüht, nämlich den Tod überwunden hat. Die Christen können einige in Vergessenheit geratene Elemente christlicher Hoffnung neu in Erinnerung rufen und dadurch die Ressource Hoffnung vergrößern. Z.B.  dass es bei allen Möglichkeiten, die wir Menschen uns inzwischen erarbeitet haben, Grenzen menschlicher Beherrschbarkeit gibt und dass es eine gütige Macht gibt, die über unsere begrenzten Möglichkeiten hinausreicht. Christen können daran erinnern, dass Auferstehung keineswegs nur etwas für den Jenseitsgläubigen ist, sondern dass sie schon jetzt anfängt mit konkreten Lebenszeichen, die jeder und jede gegen zerstörerische Kräfte setzen kann:  Füreinander einstehen, eigene Interessen und Eigennutz  zurückstellen zugunsten des Gemeinwohls, über den privaten und nationalen Gartenzaun schauen und vor allem auch Schwächere im Blick haben. Wenn im Zuge solcher Neuentdeckung von biblischer Nächstenliebe sogar Strukturen von Ungerechtigkeit entlarvt und überwunden würden, könnte das die vorhandenen Hoffnungsressourcen vervielfachen.