19.02.20

Denkanstoß

Denkanstoß von Pfarrer Stefan Schwarzer, Evang. Kirchengemeinde Oberesslingen.

Wie reden wir? Warum tun manche Worte gut und andere weh? Und was sagen wir, wenn wir nichts sagen?

Ein erster Gedanke: „Ich glaube, ich kann dich verstehen“, das sagte mir ein guter Freund, als ich ihm etwas aus meinem Leben erzählte. „Ich glaube…“, sagte er, nicht das übliche „Ja, das kann ich (natürlich) gut verstehen!“ – und alleine darin lag für mich ein Trost. Hier maßt sich einer nicht an, zu meinen, er hätte umfänglich begriffen, was mich bewegt, sondern konnte etwas fühlen von dem, was in mir ist und ahnte doch, dass er zugleich in ganz anderer Situation steckt als ich. Die Antwort war also eine vorsichtige, eine mit Bedacht, eine, die gegenseitiges Vertrauen festigt.

Ein zweiter Gedanke: Wir Menschen kommunizieren auch schriftlich. Ich habe seit einiger Zeit so etwas wie einen Internettroll, nur ist er analog: Er (der „Troll“, natürlich könnte es auch eine „Trollin“ sein) schickt mir Briefe mit dem Hinweis „persönlich“, und dann steckt darin Post, der man nicht entnehmen kann, wer mir denn hier etwas mitteilen möchte. Ich habe darüber nachgedacht, ob das denn auch Kommunikation ist, einem anderen einen Inhalt hinzuhalten, selbst aber nicht erreichbar zu sein. Meine Entscheidung lautet: Nein, das ist für mich keine Kommunikation, weshalb ich die Briefe in Zukunft ungeöffnet der Vergänglichkeit der Tonne mit dem blauen Deckel anheim geben werde. Selbstverständlich stehe ich dem „Troll“, so er den Mut hat, mir in die Augen zu schauen, zu einem Gespräch zur Verfügung – meine Adresse kennt er ja.

Ein dritter Gedanke: Gerade heute, bevor ich diesen Artikel zu schreiben begonnen habe, saß ich am Bett eines sterbenden Menschen. „Wie geht es Ihnen?“ – als  ehrliche Frage gestellt, und ehrlich die Antwort: „Ich kann nicht mehr!“ Was soll man dazu sagen? Ich finde: Nichts. So haben wir ein wenig zusammen geschwiegen, noch ein paar kurze Sätze gesprochen, und die meisten Worte unserer Begegnung bestanden darin, dass wir zusammen das Vaterunser gebetet haben: „Dein Wille geschehe…“ Miteinander zu schweigen ist liebevolle Kommunikation, und als Christenmensch glaube ich, dass es dem Heiligen Geist leichter fällt, sich ins Schweigen hinein zu melden als in ein Geplapper, das die Angst vor der Stille kompensiert.

Jesus sagte einmal (Matthäus 5,37): „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein.

Ja sage ich zu einem Miteinanderreden, das versucht, die Anliegen der anderen zu verstehen und daraus Schlüsse für das eigene Handeln zu ziehen. Das heißt nicht zwangsläufig, dass ich alles so mache, wie es den anderen gefällt, aber es heißt, dass ich die je andere Position ernst nehme (also logischerweise auch aufmerksam gehört habe) und sie mit meinem eigenen Handeln würdige. Nein sage ich zu einem Miteinanderkommunizieren, in dem mein Gesprächspartner von vornherein davon ausgeht, dass ich einfach auf der falschen Seite der Geschichte stehe und, natürlich, zu dumm bin, das zu begreifen. Und wenn ich Jesus richtig verstehe, dann geht ihm das Gleiche wie mir ziemlich auf die Nerven, nämlich das „Jein“ – es ist so anstrengend, wenn wir uns nicht festlegen und immerzu alles offenhalten, weil ja dies und das und natürlich jenes noch geschehen könnte. Kann geschehen, ja, oder auch nicht, nein – aber wann immer wir unsere Verhältnisse klären und eine Entscheidung treffen, ein Ja oder ein Nein aussprechen, entsteht Klarheit und Handlungsfähigkeit.

Wie wollen wir reden? Ich wünsche mir, dass ich als Mensch grundsätzlich bejaht werde, also versuche ich, die Mitmenschen ebenfalls zu bejahen. Ich wünsche mir zur rechten Zeit ein Nein, also erlaube ich mir, es selbst ebenfalls auszusprechen, wenn ich es für notwendig halte. Und ich wünsche mir Vertrauen in ein großes Ja, das wir uns nicht selbst sagen können, das uns von Anbeginn der Welt schon gesagt ist.