19.03.19

Ich habe einen Namen

Denkanstoß März 2019 von Pastoralreferent Uwe Schindera, Katholische Gesamtkirchengemeinde Esslingen

Ist es eigentlich nicht schön, wenn man auf der Straße oder im Geschäft mit Namen begrüßt wird? „Grüß Gott Herr Schindera!“ Ich merke, der Gruß gilt mir, und zwar ausschließlich mir. Man wendet sich mir zu. Ich bin gemeint, so wie ich jetzt im Moment bin. Manchmal vielleicht gedanklich woanders, ein anderes Mal missgelaunt. Doch meist freudig überrascht über das Erkanntwerden und den Gruß. Hinter jedem Gruß, so denke ich mir, steckt ein Stück Wertschätzung. Zugegeben, häufig fällt mir auf die Schnelle auch nicht gleich der Name des anderen ein. Und, ich gebe es zu, manchmal begrüße ich eine Person mit dem falschen Namen. All das ist mir peinlich! Doch möchte ich an niemanden grußlos und damit achtungslos vorbeigehen. Das hat meiner Ansicht nach mit Menschlichkeit und Würde zu tun. Denn jede*r von uns hat seinen eigenen Namen. Das macht ihn zu etwas Einzigartigem.

In meinem Beruf als Pastoralreferent nehme ich auch Bestattungen vor. Ich merke die Zunahme der Beisetzungen auf anonymen Gräberfeldern. Nichts soll mehr auf den Verstorbenen hinweisen. Er bleibt anonym – namenlos eben. Dabei hatte er doch auch eine einmalige Lebensgeschichte, war ein Mensch, mit Träumen und Nöten, Freud und Leid wie wir alle. Natürlich verstehe ich die Beweggründe, weshalb diese Bestattungsform gewählt wird. Ich tröste mich dann mit der Feststellung, Gott ist von der Einmaligkeit dieses Toten überzeugt, ja, er kennt ihn als Person besser, als jeder andere.

Eine andere Art des Nicht-Erkanntwerdens erlebte ich bei einem Hausbesuch. Der Beginn war etwas kompliziert und verlangte detektivisches Handeln. Ich hatte Name und Adresse. An den Briefkästen des Hochhauses aber musste ich mittels Namen und Ziffern die richtige Nummer der Klingel herausfinden. Leider gibt es auch Situationen, in der die Namensnennung als Diskriminierung empfunden werden kann. Bei Behörden zum Beispiel. Der namentliche Aufruf entfällt. So ist es für ein Beratungsgespräch beim Sozialamt erforderlich, eine Nummer zu ziehen. Ich bin zur Nummer! geworden Sie bietet mir unbestreitbar einen Schutz vor Diskriminierung. Zugleich wirft diese Art des Umgangs mit Ratsuchenden einen beschämenden Blick auf uns. Diejenigen sollen unerkannt bleiben, die hilfebedürftig sind. Ansonsten droht ihnen die Gefahr der Erniedrigung. Es nimmt auch die Zahl derjenigen zu, die meinen, es gibt ein Recht auf Anonymität. Das stimmt mich traurig. Was ist da in unserer Gesellschaft schief gelaufen?

Am schlimmsten finde ich jedoch die Decknamen auf facebook oder in der E-Mail-Adresse. Wer verbirgt sich dahinter? Warum tritt die Person nicht offen in Erscheinung? Der Phantasiename funktioniert wie ein Wall, hinter dem es sich unentdeckt agieren lässt. Seinen wahren Namen verschleiernd, lässt sich trefflich auf diejenigen schimpfen, deren Meinung man nicht teilt oder die man verachtet. Akteure mit Pseudonamen in den sozialen Netzwerken täuschen auf arglistige Weise. Diese Art von Anonymität hat nun überhaupt keinen Sinn mehr!

Beim alttestamentlichen Propheten Jesaja heißt es: „Gott spricht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Ich halte diesen Satz für richtig und weise. Denn Jesaja erläutert im Weiteren das Einzigartige an jedem von uns. Keiner braucht sich vor dem anderen zu verstecken. Jede*r verdient deshalb für sich genommen schon Respekt und Wertschätzung. Es wird mir darin Selbstbewusstsein zugesprochen, denn ich bin geschätzt. Genau das drückt mein Namen aus. Weshalb dann anonym bleiben?

Natürlich weiß ich um die Ängste, die einzelne wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihres Amtes oder ihrer Vergangenheit haben, wenn ihr Name oder ihre Adresse öffentlich ist. Doch bleibe ich dabei: das Einzigartige des Menschen wird erst durch seinen Namen richtig erfassbar. Wir Menschen sind kostbar und sollen wie etwas Wertvolles behandelt werden. Es gehört sich darum nicht den anderen durch den medialen Schmutz zu ziehen oder ihn physischer Gewalt auszusetzen. Das sage ich ganz bewusst als Katholik und Kirchenangestellter. Mir ist sexualisierte Gewalt, gegen wen auch immer, zuwider und erst Recht das Verstecken von Straftätern. Das ist eine perfide Form von Anonymisierung!

Wir Menschen sind etwas Exquisites und unsere Persönlichkeit kommt im Namen zum Ausdruck. Daher bringe ich das mindestens zum Ausdruck mit „Grüß Gott Frau Musterfrau!“, „Grüß Gott Herr Soundso!“