20.08.20

Denkanstoß

Denkanstoß von Pfarrer Stefan Schwarzer, Evang. Kirchengemeinde Oberesslingen

All days for future:Urlaubswoche an der Ostsee, mit den Kindern beim Einkauf im Supermarkt – ups, Mist, schon ertappt: Ja, stimmt, beim regionalen Wochenmarkt wären Obst und Gemüse ohne jede Verpackung und regional einzukaufen. Na ja, ist halt so geschickt, dass ich im Supermarkt alles bekomme, noch schnell die Sonnencreme, ein paar Nudeln und ohne Schokis geht´s eben auch nicht.
„Das ist aber in Plastik eingepackt!“

„Mhmm, okay, nehm ich ohne die Tüte.“

„Und warum nimmst du jetzt die Milch nicht in der Flasche?“

„Und wie weit wurde die Flasche hierher transportiert?“

So geht das den ganzen Einkauf lang, bis der Erwachsene (der diese Kinder ja erzieht) irgendwann ausruft: „Menschenskind, das nervt ja total, mit euch einzukaufen!“

Darf ich vorstellen: Voilà – die neue ALL DAYS FOR FUTURE-Generation. Sie legt den Finger unentwegt in die Wunde und konfrontiert uns unentwegt damit, dass wir ihnen einen Haufen Müll und Klimaprobleme hinterlassen, gegen die die Corona-Pandemie vermutlich ein kleiner Knallfrosch ist. Man kann das leugnen und behaupten, alles sei nicht so wild, man kann resignieren und sagen: „Lasst und feiern und saufen, denn schon morgen sind wir tot!“ Man kann auf das Mantra des Wachstums hinweisen, ohne das unser Wirtschaftssystem nicht funktioniere, so wird uns allenthalben alternativlos zugeraunt. Kann man alles machen – juckt aber das Klima nicht und hält es auch nicht davon ab, uns in tiefgreifende Transformationsprozesse hineinzustoßen, die ja längst in vollem Gange sind. Oder soll ich allen Ernstes immer noch den Mythos glauben, die globalen Migrationsvorkommnisse hätten nichts mit dem Klima zu tun?

Noch eine Anekdote, lange her: Vor genau zehn Jahren unterrichtete ich zum ersten Mal eine Oberstufe in Religion. Thema „Gerechtigkeit“, es ging ums Klima in dieser Stunde. Als ich sagte, dass sie, die ca. 16-jährigen Schüler*innen, und nicht ihre Urenkel aufgrund des Klimawandels mit großen Transformationen in ihrem Leben konfrontiert sein würden, da antwortete ein sehr intelligenter und sehr renitenter Schüler: „So einen Schwachsinn wie von Ihnen habe ich im Leben noch nicht gehört!“ Baffff, das saß. Heute ist er 26 und falls nicht schon geschehen, wird er statistisch gesehen demnächst sein erstes Kind in der Hand halten: Voilà – die neue Generation, die das kleine Fingerchen auch in seine Wunde legt und fragen wird, wie er sich denn das denkt mit der Möglichkeit menschlichen Lebens auf Erden, das weiterhin als menschlich und würdig empfunden werden kann.

Machen wir es kurz und schmerzvoll: Wir können nicht mehr einfach so weitermachen als gäbe es eine zweite Erde, die uns ihre Ressourcen gratis zur Verfügung stellt, wenn es hier richtig eng wird. Ach so, ja, doch, es gibt ja immer eine Alternative (weshalb auch das Wort von der Alternativlosigkeit einfach nur Ausdruck von Denkfaulheit und Bequemlichkeit ist): Wir machen so weiter wie bisher. Grenzenloser Fußabdruck, billiges Fleisch ohne Ende, Autos ohne Ende, Flüge ohne Ende, Konsum ohne Ende. Und dann kommt eben das Ende, für uns alle. Können wir machen, ist dann halt sch… - für uns als Gattung Mensch jedenfalls.

Und jetzt? Nein, ich schreib jetzt keine Aktionstipps auf, wie wir Ressourcen sparen. Es gibt eine Menge fitter, innovativer Leute aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, die das längst als Profis tun.
Als Christ, der ich bin, denke ich über diese Themen auch theologisch viel nach. Das strengt meinen Kopf in letzter Zeit sehr an, und weil der Artikel ohnehin schon so ungemütlich ist, belasse ich es für heute dabei und mache mir schnell einen Espresso zum Runterkommen (oh je: Google sagt, 140 Liter Wasser pro Tasse werden verbraucht, und, oh nein, die google-Suche hat auch noch Strom verbraucht. Mist! Na ja, ich kann jetzt nicht aufhören zu atmen, um meinen Fußabdruck zu minimieren. Also: Espresso, muss jetzt sein, sorry!).