04.12.19

Denkanstoß

Denkanstoß von Pfarrerin Cornelia Krause, Citykirche Esslingen und Evang. Stadtkirchengemeinde

Digitalisiert wird das Leben nicht leichter.

Aus dem von Anwohnern im Hof abgestellten Müll, einer Matratze, einem verbeulten Rad, einem alten Brett und einem Ofenrohr, basteln Kinder sich eine Dreh-Hops-Wipp-Tute-Maschine. Diese Geschichte mit dem lustigen Namen der Maschine erzählt Ursula Wölfel. Ich las sie im Evangelischen Kindergarten Parkstraße anlässlich des Bundesweiten Vorlesetages vor und fragte die Vorschulkinder, ob sie auch schon mal aus alten Sachen etwas gebaut hätten. Ja, einen Schrank, erzählte ein Junge, und wurde sogleich von den anderen Kindern überboten, die Tablets, Laptops und Smart-Phones gebaut haben wollen, die „Maschinen“ schlechthin ihrer Zeit. Ein Mädchen hatte sogar einen Roboter „gebaut“ und fügte hinzu: „Der bringt mir immer etwas zu trinken!“

Da kam die Faszination der digitalen Technik voll zum Zuge und ihre Vorteile waren klar: Sie ist das Tor zur großen Welt, sie dient und entlastet uns und macht das Leben leichter! Das Mädchen hat in seinen Erwartungen recht: In einem 2018 eröffneten Flyzoo-Hotel in China bringt ein Roboter die Limonade ins Zimmer und auch für die Bestellung reicht eine sprachliche Mitteilung. In zehn oder zwanzig Jahren wird sie dafür nicht mehr nach China reisen müssen, weil auch hierzulande kräftig weiter „digitalisiert“ wird.
Meine Generation gehört zu den noch vollständig analog sozialisierten Einwanderern in das gelobte digitale Land. Aber wir kennen uns inzwischen gut aus. An das Online-Banking und Internet-Recherchen haben wir uns genauso gewöhnt wie an unser Smart-Phone. Trotzdem werden wir niemals zu Eingeborenen in diesem Land. Unser Gefühl für den Wandel, der in den letzten zwei Jahrzehnten durch die Digitalisierung in alle Bereiche des Lebens einzog, ist besonders ausgeprägt, eben weil wir etwa die Hälfte unseres Lebens in einem anderen Land lebten.

Was war das für ein Vergnügen, schneller per E-Mail kommunizieren zu können und Nachrichten nicht mehr per Post verschicken zu müssen. Wie mühelos kann ich den Namen des obigen Hotels oder irgendwelche andere Fragen in meine Ecosia-Suchmaschine geben und habe sofort jede Menge Informationen auf dem Bildschirm. Heute aber ist die Notwendigkeit entstanden, immer schneller per E-Mail und auf immer mehr Kanälen kommunizieren zu müssen. Die vielen Steigerungsversprechen, dass digitalisiert alles schneller, besser und leichter werde, geraten in Verdacht. Welchen Preis bezahlen wir und unsere Kinder dafür? Welche Verluste an Erfahrungen, Werten und Arbeitsplätzen werden sie mit sich bringen? Sind es vielleicht doch leere Versprechungen?

Eine alte Erzählung zeigt, dass Vorsicht angebracht ist. 1963 veröffentlichte Heinrich Böll in einer Zeitschrift des Deutschen Gewerkschaftsbundes die Geschichte vom Fischer. Kurz zusammengefasst: Ein Tourist fotografiert einen Fischer, der sich am Ufer des Sees in seinem Boot ausruht. Um die Störung zu überbrücken, interessiert er sich für den Erfolg des Fischfangs. „‘Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug‘ sagt der Fischer, um des Fremden Seele zu erleichtern.“ Doch dieser fühlt sich nun berufen, den armen Fischer Geschäftstüchtigkeit zu lehren und führt ihm begeistert vor Augen, wie er sich entwickeln könnte: „ein kleines Kühlhaus, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik … ein Fischrestaurant!“ Der Fischer ist die Ruhe selbst, während der Gesprächspartner den letzten Trumpf zieht: „Und dann, dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“ Mit der Pointe aber wird der Fischer zum Lehrer: „Das tue ich ja schon jetzt, ich sitze beruhigt am Hafen und döse.“

Beunruhigt aber hinterlässt die Geschichte den, der die eigene Langsamkeit, Ruhebedürftigkeit und vieles mehr zurückstellt zugunsten der geschäftstüchtigen, auch digitalen, Verheißung, die die Welt immer leichter, besser und größer machen soll. Wer lehrt das Leben und die Beziehung, wenn der Akku leer ist? Wenn der Roboter die Limonade bringt – wer würde nicht den vergnüglichen Augenblick vermissen, in dem im Geben und Nehmen Menschlichkeit aufleuchtet? Wer lernt heute noch einen Fischer kennen, der dem Erfolgsdruck unbeeindruckt widersteht und sich damit das Leben leichter macht?

Die Geschichte vom Fischer, bei Böll eine ‚Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral‘, kursiert bis heute in zahlreichen Variationen. Als Bilderbuch wurde die Erzählung mit dem Titel „Der kluge Fischer“ 2014 veröffentlicht und bekam 2017 einen Preis der Stadt Köln. Sie ist genauso aktuell wie vor fünfzig Jahren.