23.09.19

Faszination Baustelle

Denkanstoß von Pastoralreferent Uwe Schindera, Katholische Gesamtkirchengemeinde Esslingen

Mich faszinieren Baustellen – und im Augenblick sind in Stadt und Landkreis genug davon zu sehen. Wie dort ein Rädchen in das andere greift erstaunt mich. Hier wird noch gegraben, dort wird das Eisen gebogen, gerade eben fährt ein LKW auf die Baustelle und der Kran entledigt sich seiner Last. Als Außenstehender sehe ich ein Durcheinander, das dennoch einem Ordnungsprinzip gehorcht. Gerade deshalb bedarf es vielerlei: Planung, Einkauf, Messungen, Finanzierung, Logistik, Kommunikation, Fachwissen u.v.a.m. Ist es nicht aufregend zu erkennen, wie aus einer einzigen Idee im Kopf eines Einzelnen irgendwann ein sichtbares, benutzbares Bauwerk geworden ist? Bei all meiner Begeisterung tun mir diejenigen leid, die wegen einer Baustelle mit Krach und Schmutz leben müssen. Aber auch das schwere Umfeld der Arbeiter ist mir beim Zuschauen bewusst: sommerliche Hitze, eisiger Wind oder das Dröhnen und die Erschütterungen, wie zum Beispiel beim Tunnelbau für Stuttgart 21. All das geistert ebenfalls in meinem Kopf herum und bildet die negative Seite der Faszination ab.

Beim Nachdenken über Baustellen entdecke ich einiges wieder, was mit meinem eigenen Leben zu tun hat. Das war erst recht so, als wir vor Jahren ein altes Haus gekauft hatten. Wir ließen es von unten bis oben sanieren und renovieren. In der Umbauphase schien mir, als liefe mein eigenes Leben wie ein Film ab. Sein Titel: „Projekt Uwe - die Baustelle“. Einige Szenen sind im „Baubuch“ festgehalten. So zum Beispiel die Planung. Dabei ist mit Unerwartbarem immer zu rechnen. Beim Ausbaggern etwa stößt man auf eine Höhlung, die eine Umplanung erfordert. Im privaten Umfeld war das bei mir der Tod eines lieben Angehörigen, bei dem ich mir wieder meiner eigenen Endlichkeit bewusst wurde. Manchmal geschieht auch Erwartbares, dessen Folgen wir unterschätzten. Auf unserer Baustelle kam zwar das im Hausinneren vermutete Fachwerk zum Vorschein. Aber die Erneuerung gestaltete sich wegen Mängel am Holz schwieriger als erwartet. In unserem Leben entpuppt sich vielleicht der scheinbare Traumjob bei näherem Hinsehen als eine Tätigkeit, die mit der eigenen fachlichen Kompetenz und Talenten nichts zu tun hat. Dann gilt es zunächst einmal innezuhalten, zu überlegen, auch Rat einzuholen, zur Not auch zu improvisieren.

Eine weitere Episode trägt den Titel: Stütze. Bei unserem Hausumbau machten wir die Erfahrung, dass sich die Statik des Hauses über die Jahrzehnte hinweg verändert hatte. Andere Balken als die ursprünglichen trugen nun die Last. Auch unser Leben kennzeichnet das. Es gibt die bittere Erkenntnis, dass manche Freunde im Ernstfall nicht mehr greifbar sind. Sie stützen einen nicht. Das tiefe Vertrauen, das trägt, ist verschwunden. Es mag daran liegen, dass die Freunde und wir uns im Laufe des Lebens veränderten. So wie sich in unserem Haus die Gewichte verschoben, so setzten Freunde andere Prioritäten. Es kann sich derjenige glücklich schätzen und Gott dankbar sein, der gute Freunde hat.

Für das Gelingen eines Baus ist der Teamgeist von allen Beteiligten unabdingbar. Denn nicht das Können des Einzelnen allein führt zu einer guten Fertigstellung, es gehört die Solidarität im Bautrupp dazu. Ähnlich unserem Alltag, unserer eigenen Lebensbaustelle, sind wir in der Familie, im Beruf und im Freundeskreis miteinander verwoben. Jeder auf dem Bau hat zwar seine spezifische Aufgabe. Doch schweißen das Ziel und das Gefühl der Zusammengehörigkeit zusammen. Im Leben erleben wir uns Menschen als Gemeinschaftswesen, denen es am besten geht, wenn sie den anderen zugeneigt sind.

Ich gehöre der sogenannten „Lego- Generation“ an. Das Computerspiel Minecraft gab es zu meiner Zeit nicht. Abgesehen davon, Dämonen und Monster, die hier ebenfalls auftauchen, mochte ich noch nie! Damals verbrachte ich Stunden, um Häuser, kleine, große, ja sogar regelrechte Dörfer zu bauen. Der Erfahrungsschatz ist rückblickend groß gewesen. Sozusagen aus dem Legospielen heraus habe ich gelernt: Gedankenlos kann man weder auf der eigenen Lebensbaustelle arbeiten noch ein Bauwerk aus Lego oder in der Realität vollenden. Es braucht schon ein stabiles Fundament. Beim Bau einen guten Untergrund, im Leben ein festes Wertegerüst. Für mich als Glaubenden kommt noch hinzu: Alles können wir planen und durchführen. Doch zum Gelingen des Lebens gehört Gott als Freund, Mitarbeiter und Architekt mit auf die Baustelle.