26.09.19

Schluss jetzt

Denkanstoß von Pfarrer Stefan Schwarzer, Evang. Kirchengemeinde Oberesslingen

Meine Denkanstöße waren in den vergangenen Jahren tief geprägt von eigener Trauerarbeit. Suchen nach Worten und Wegen, um dem zu begegnen, was uns unbedingt angeht, was religiöse Menschen dann Gott nennen, und worin wir Menschen Trost finden inmitten schwerer Zeiten. Die Trauerarbeit hält einen Menschen aber nicht davon ab, trotzdem die Welt und den so genannten Lauf der Dinge wahrzunehmen – diese Wahrnehmungen und wie wir uns zu ihnen verhalten, macht uns zu politischen Wesen: Es ist uns, jedenfalls mir, nicht egal, wie wir zusammenleben.

Dies war das Vorwort, und jetzt zur Sache, wieder einmal den großen Sprachmusikanten Hanns Dieter Hüsch zitierend:

„[…] es hat noch niemand den Hass besiegt
Ohne ihn selbst zu beenden
Er kann mir sagen was er will
Er kann mir singen wie er's meint
Und mir erklären was er muss
Und mir begründen wie er's braucht
Ich setze auf die Liebe!
Schluss!“

Wir bringen unseren Kindern bei, „bitte – danke“ zu sagen und sich zu entschuldigen, wenn sie einem anderen weh getan haben. Wir schicken sie in den Kindergarten und später in die Schule, dort sollen sie zu lesen und zu rechnen lernen, und sie sollen lernen, wie das geht: Zusammen leben, lachen, weinen, sich die Köpfe einschlagen und kapieren, dass das für alle Beteiligten nicht besonders zielführend ist. Aushalten, dass es andere Ansichten als die eigenen gibt, einstehen für die eigenen Überzeugungen, auch bei Gegenwind. Lernen, dass sie riesigen Mist bauen können und trotzdem geliebt sind, aber eben gerade aus dieser Liebe heraus auch harte Konsequenzen für den riesigen Mist zu spüren bekommen. Das alles nennt sich Erziehungsarbeit, die von vielen liebevollen Eltern und Verwandten, Erzieherinnen und Lehrern geleistet wird.

Und dann frage ich mich, was Menschen dazu veranlasst, ihre dermaleinst genossene Kinderstube zu vergessen (vorausgesetzt, die Kinderstube war tatsächlich ein Genuss): Was ist das für eine abgründige Wut, wenn ich auf dem Friedhof (langsam und mit großem Abstand!) Fahrrad fahre (ja, ich weiß, das verbietet die Friedhofsordnung, ich bin halt so oft dort und radle dann eben auch mal) und von einem mir fremden Herrn Fäuste schwingend als dummer und charakterloser Mensch beschimpft werde? Was ist das für ein Hass, wenn beim Bürgerfest der Stadt Esslingen Seenotretter einer Flüchtlingsorganisation Werbung für sich machen und ich den sehr schick gekleideten Vater von zwei heranwachsenden Söhnen beim Vorbeilaufen zu diesen Kindern sagen höre: „Die Typen (gemeint: Die Seenotretter) gehören doch gleich im Mittelmeer ertränkt!“

Ohne differenziert auf die Friedhofsordnung oder die großen Fragen der Migration einzugehen, frage ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser: Wollen Sie in einer Gesellschaft leben, in der Menschen so mit- und übereinander sprechen? In der gejagt wird und gespalten, in der aus hochkomplexen Zusammenhängen einfache „Wahrheiten“ geschustert werden? In der die Herkunft eines Gewalttäters (Eritrea) wichtiger ist als der Grund seines Handelns (Psychose?) und gerade so die unfassbare Trauer der Angehörigen um den 8-jährigen Jungen in Frankfurt instrumentalisiert wird? Ich möchte das nicht!

Als Christenmensch habe ich gelernt, dass am Ende Glaube, Hoffnung, Liebe zählen, die Liebe aber die größte ist (1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 13 – lohnt sich sehr zu lesen!). Dieser biblische Vers ist bei kirchlichen Trauungen der meist verwendete – das ist ja ganz nett und romantisch und für diesen schönen Tag auch voll okay, aber Paulus spricht hier von einer Liebe, die sich dem Hass entgegenstellt. Eine Liebe, die hartnäckig darauf beharrt, dass es um Gottes Willen gut ist, ein guter Mensch sein zu wollen. Und drum können sich die Wütenden und Hassenden gerne auf die Schenkel klopfen, darüber dass hier wieder mal so ein Gutmensch von der Kirche so einen Mist schreibt, sie können eimerweise Lieblosigkeit über mich ausschütten (und viele von den Menschen guten Willens werden sogar bedroht und schlimmer). Dennoch halte ich es mit Hanns Dieter Hüsch: Auf die Liebe setzen! Schluss!